Leinsweiler ist ein kleiner Weinort am Rand des Pfälzerwalds. Über dem Dorf liegt die Burgruine Neukastel, im Mittelalter eine der Reichsburgen zum Schutz des Trifels. Auf einem Hügel auf halber Höhe, eingerahmt von Kastanienhainen, Weinbergen und Viehweiden, liegt der ehemalige Wirtschaftshof der Burg. 1689, im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört, wurde das Herrenhaus auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut und gehörte Ende des 19. Jahrhunderts dem Pfälzer Zigarrenfabrikanten Peter Finkler. Er war es auch, der 1865 den romantisierenden weißen Zinnenturm anbauen ließ.

Der ursprünglich aus Niederbayern stammende Maler Max Slevogt heiratete 1898 Finklers Tochter Antonie, genannt Nini. Slevogt, der in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus wurde, lebte zwar in Berlin, verbrachte aber die Sommermonate zumeist in der Pfalz auf dem Hof der Schwiegereltern. Als die das Anwesen nicht mehr halten konnten, übernahm es Slevogt 1914 und bezahlte es, indem er zwanzig Bilder an die Gemäldegalerie in Dresden verkaufte. In den Zwanzigerjahren erweiterte Slevogt das Gebäude nach Süden und schuf dort eine Bibliothek und einen Musiksaal, die er selbst mit Wandmalereien ausschmückte.

Von der Terrasse des Slevogthofs aus hat man einen prächtigen Blick in die Rheinebene und auf die Ausläufer des Pfälzerwaldes. Über eine Treppe gelangt man direkt in den Garten.

Von der Terrasse des Slevogthofs aus hat man einen prächtigen Blick in die Rheinebene und auf die Ausläufer des Pfälzerwaldes. Über eine Treppe gelangt man direkt in den Garten.

Heute ist das Anwesen, das seither Slevogthof genannt wird, ein recht sanierungsbedürftiges Sammelsurium aus Gebäudeteilen. Die Grundstruktur des alten Dreiseithofs ist noch gut zu erkennen, der unverwechselbare, wenn auch recht unpassende weiße Turm steht stabil und auch die von Slevogt ausgemalten Räume sind unversehrt. Ebenso die riesige Terrasse mit ihrem weiten Blick in die Ebene, der malerische Garten und der romantische Treppenaufgang, den Slevogt oft gemalt hat. Sie alle existieren noch und machen das Anwesen zu einem unvergleichlichen Ort. Dennoch ist offenkundig, dass die Erben des Impressionisten jahrzehntelang nur wenig in den Erhalt investiert haben. Anbauten aus den siebziger Jahren hatten das Herrenhaus in ein rustikales Ausflugslokal verwandelt und ein historischer Teil wurde nach einem Brand durch einen bis heute unverputzten Neubau ersetzt. Seit 2011 gehört der Slevogthof nun dem Landauer Architekten und Denkmalpfleger Thorsten Holch, der ihn mit Sensibilität für die historischer Bausubstanz restaurieren und wieder aufbauen will.

Slevogt selbst hat in den zwanziger Jahren die Terrasse gebaut und im Garten einen Swimmingpool anlegen lassen. Im Innenhof, dort wo früher der große Misthaufen lag, entstand ein neuer Gebäudeteil mit Küche und Esszimmer, und schließlich das Musikzimmer und die Bibliothek. Ein richtiges Atelier hat sich Slevogt hier nie gebaut. Zwar stand hier die eigens für Druckgrafiken angeschaffte Druckerpresse, aber gemalt hat er am liebsten draußen. Im Terrassengarten oder auf der Treppe, auf den lichten Waldwegen oder zwischen den Kastanienwäldchen und den Weinbergen. Hier fand er Ruhe und Entspannung und löste sich endgültig von der dunklen Ateliermalerei. Inspiriert von den französischen Impressionisten entwickelte Slevogt hier seinen neuen Umgang mit dem Sonnenlicht und schuf zahlreiche seiner berühmten Werke. Die Winter verbrachte er in Berlin und wurde dort neben Max Liebermann und Lovis Corinth einer der berühmten deutschen Impressionisten und ein weithin geschätzter Buchillustrator. In den Sommern entspannte er in Leinsweiler, auf dem ‚entlegendsten Gehöft Deutschlands‘, das er schließlich sein ‚privates Tusculum‘ nannte, nach dem antiken Wohndomizil reicher Römer in Italien. In diesem romantischen ‚Tusculum‘ konnte Slevogt entspannen und auftanken, auch mal Pause machen und – so wird berichtet – mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa liegen und sich mit ihr auf ‚Kätzisch‘ unterhalten. Im Musikzimmer mit dem imposanten schwarzen Flügel frönte er seiner Leidenschaft für Opern von Mozart und Wagner, spielte bis tief in die Nacht Klavier und schmetterte lauthals Opernarien.

Dieses Musikzimmer und die Bibliothek, die er kurz vor seinem Tod ausmalte, gehören zu den wenigen erhaltenen Wandmalereien von Slevogt. Im Musikzimmer zeigen sie – natürlich – Motive seiner Lieblingsopern, darunter Siegfried und Don Giovanni. In der Bibliothek, die er 1929 zuletzt ausmalte, versinnbildlichte er die vier Gattungen der Dichtkunst in allegorischen Darstellungen: Als Roman wählte er ‚Lederstrumpf ‘, als Märchen die ‚Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht‘, als Drama ‚Macbeth‘ und als Epos schließlich den Kampf zwischen Achill und Hektor. 

Die meisten Wandmalereien von Slevogt wurden im zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten blieben die Wandmalereien in seiner Bibliothek und dem Musikzimmer.

Die meisten Wandmalereien von Slevogt wurden im zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten blieben die Wandmalereien in seiner Bibliothek und dem Musikzimmer.

Der romantische weiße Zinnenturm stammt schon aus dem Jahr 1865 und gibt dem Gebäude schon von weitem sein charakteristisches Aussehen.

Der romantische weiße Zinnenturm stammt schon aus dem Jahr 1865 und gibt dem Gebäude schon von weitem sein charakteristisches Aussehen.

Der Landauer Architekt und Denkmalpfleger Thorsten Holch hat den Hof 2011 gekauft und will ihn sanieren.

Der Landauer Architekt und Denkmalpfleger Thorsten Holch hat den Hof 2011 gekauft und will ihn sanieren.

Nach seinem Tod 1932 wurde Max Slevogt auf dem kleinen Familienfriedhof im Wäldchen neben dem Hof beigesetzt. Das denkmalgeschützte Haus und viele dort untergebrachte Kunstwerke des Malers blieben noch für Jahrzehnte im Besitz der Familie. Mittlerweile sind Teile von Slevogts Bibliothek und der Kunstbestand in den Besitz des Landes Rheinland-Pfalz übergegangen. Eine Ausstellung auf Schloss Villa Ludwigshöhe in Edenkoben zeigt eine wechselnde Auswahl seiner Bilder, Drucke und Zeichnungen. Der neue Besitzer des Slevogthofs, Thorsten Holch, wird die Gebäudeteile in den nächsten Jahren behutsam und im Sinne des Denkmalschutz zurückbauen, sanieren und kann sich gut vorstellen, das Haus in einigen Jahren mit Gastronomie und Gästezimmern wieder in Betrieb zu nehmen. Die wenigen verbliebenen Originalräume, darunter die Bibliothek und das Musikzimmer, wird Holch erhalten, und sichern. Es ist beabsichtigt, diese Räume für Besichtigungen zu öffnen.

Dann werden die Gäste und Besucher auf der großen Terrasse stehen können, und – so wie Slevogt – den Blick schweifen lassen. Über Leinsweiler unten im Tal und die zur Rheinebene abfallenden Berge des Pfälzerwaldes. Sie sehen die Pfalz, wie Slevogt sie in seinen Bildern verewigt hat: die Weinberge, die lichten Waldwege und Kastanienhaine, rote Sandsteinfelsen, Felder, Gärten, klares Morgenlicht und glühendes Abendrot, blühende Bäume im Frühling, und die Rostfarben des Weinlaubs im Herbst.

Text: Sigrid Frank-Esslinger , Fotos: Anne-Sophie Stolz

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