Text: Michael Dostal, Fotos: JackSenn

Jacqueline Fritz ist etwas gelungen, was noch niemand vor ihr geschafft hat: Sie überquert die Alpen auf einem Bein und zwei Krücken. Einen großen Teil des Trainings absolviert sie an Felsen und auf Pfaden in ihrer Heimat Pfalz.

„Am Anfang waren die Leute über meine Offenheit irritiert. Heute finden sie meine Aktionen cool.”

Sie ist durch die Berge über den Berg. Jacqueline Fritz, geboren 1985, aus dem südpfälzischen Impflingen lebt heute in Birkenhördt. Die gelernte Grafikdesignerin, ausgebildet an der Kunsthochschule Karlsruhe, betreibt eine Werbeagentur. Und sie hält Vorträge in Reha- und Krebskliniken sowie integrativen Schulen, absolviert viele Messe- und Fernsehauftritte oder wirkt in Werbespots für Kameras, Bergschuhe und Sportbekleidung mit.

Begonnen hat diese Karriere 2016 mit einer Alpenüberquerung auf einem Bein und mit zwei Krücken. Denn Jacqueline Fritz musste im Alter von 22 Jahren der rechte Unterschenkel amputiert werden. Aus einem tiefen Tal hat sie sich danach im wahrsten Sinne des Wortes wieder nach oben gearbeitet und will damit anderen Mut machen. Es werden dann über 300 Kilometer und 35.000 Höhenmeter überwunden.

„Fünfbeinig über die Alpen“ könnte das Motto dieser großen Tour zu sich selbst lauten. Denn immer mit dabei ist Mischlingshund Loui, den Jacqueline Fritz zum Bergbegleithund ausgebildet hat. Loui sucht Wege für sie und achtet auf Gletscherspalten, Steinschlag oder Lawinen. Bei Jacqueline Fritz versteht sich von selbst, dass sie den Alpencross nicht auf dem Standard-Fernwanderweg E5 angegangen ist. Ihre Route sollte alles umfassen, was den sportlichen Reiz der Alpen ausmacht: schmale Pfade, Kletterpassagen, Gletscher und Geröllfelder.

 

 

 

 

 

 

  

„Ich habe die Berge gehasst und den Strand geliebt. Auch im Pfälzerwald bin ich nie gewandert.”

 

 

 

 

 

 

 

„Die Idee der Alpenquerung war zu abgedreht. Bei der Sponsorensuche haben die Firmen zunächst nicht geglaubt, dass ich es schaffen kann.”

Ihre Route

Von Hammersbach bei Garmisch-Partenkirchen führte der Weg, neben Hund Loui war Kamerafrau Laila Tkotz mit dabei, zunächst auf den höchsten deutschen Gipfel, die Zugspitze. Weiter ging es über Leutasch, die Peter-Anich-Hütte und die Dortmunder Hütte ins Stubaital. Von dort über die Schneeberghütte und den Meraner Höhenweg nach Meran. Rund einen Monat hat die Tour gedauert.

Fürs Bergsteigen, so hat Jacqueline Fritz ausgerechnet, braucht sie im Schnitt doppelt so lange wie ein zweibeiniger Mensch. Sportlich aktiv ist Jacqueline Fritz schon immer. Als Mädchen war sie im Luftgewehrschießen, beim Reiten und vor allem im Ballett aktiv, was sie auf Leistungsniveau tanzte. Dabei passierte es im Alter von 15 Jahren: Bänderriss am Sprunggelenk. Eine Leidensgeschichte begann, die in der Amputation mündete.

„Behinderte Frauen sind ein ganz spezielles Thema, die denken, das Leben ist vorbei. Jungs sind offener“, erklärt Jacqueline Fritz den Moment, ab dem sich die Spirale nach unten zu drehen beginnt. Sie habe durch ihre Schmerzen eine „Flucht ins Morphium“ begonnen, die in die Abhängigkeit führte. Bei einem Entzug, so Jacqueline Fritz, sei sie „aufgewacht“. Aus einem Tunnel wurde dabei ein heller Gang. Während eines Reha-Aufenthaltes im Allgäu passierte es dann: Jacqueline Fritz entdeckte ihre Leidenschaft für die Berge. Freunde wollten sie zunächst nicht mitnehmen, doch sie trainierte heimlich. Beim Chiemsee war dann zusammen mit den Freunden eine Hütte das erste wirkliche Ziel. „Der Hüttenwirt hat uns wieder runtergefahren und ich dachte, das kann ich öfter machen“, erinnert sich Jacqueline Fritz. Weil bei den Touren der Kopf frei und die Schmerzen vergessen wurden, entstand die Idee vom Alpencross.

Die Pfalz hält Jacqueline Fritz für barrierefreies Wandern sehr geeignet. „Es ist super. Es gibt gute Forstwege und auch geeignete Singletrails. Man kann bei uns sogar Höhenmeter machen“, so die behinderte Sportlerin, die vor allem die vorhandenen Naturwege herausstellt. Diese finde man in Bayern, Österreich und der Schweiz weniger. „Anderswo gibt es oft nur noch Splittwege und die sind mit Krücken ein Problem“, verweist sie auf eine hohe Sturz- und Verletzungsgefahr, die sie im Alltag genauso wie andere Behinderte treffe. Bei der Planung, so empfiehlt Jacqueline Fritz, sollten Menschen mit Handicap einbezogen werden, die Erfahrung haben und wissen, auf was geachtet werden müsse. Dieses Thema betreffe viele Menschen, ganz gleich, ob sie zum Beispiel mit dem Kinderwagen oder dem Rollator  unterwegs seien. „Inklusion wird nicht umgesetzt. Viele Leute wollen sich nicht in der ‚Randgruppe‘ sehen“, appelliert Jacqueline Fritz gegenzusteuern und „nicht das schicke Penthouse oder Auto, sondern den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen“.

Und jetzt?

„Wir müssen mit dem Thema Behinderung provokativer umgehen und dazu stehen. Nur so kann Inklusion gelingen.”

Mit weiteren Aktivitäten will Jacqueline Fritz Inklusion voranbringen und weiter anderen Mut machen. Im Spätsommer 2018 standen die „Seven Summits“ des Stubaitals auf dem Programm. Um die sieben Gipfel, davon vier 3000er, zu besteigen, galt es über 110 Kilometer mit über 21.000 Höhenmetern zu bewältigen. Zusätzlich führte sie ihr Weg zur Kletter-Weltmeisterschaft in Innsbruck sowie zur Deutschen Meisterschaft im Sportschießen in München. Konkrete Pläne für 2019 gibt es auch schon: Von Slowenien soll es mit dem Kanu bis nach Albanien gehen. Klettern und Bouldern natürlich inklusive, denn Berge gehören bei Jacqueline Fritz einfach immer mit dazu.

  

 

 

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