Wussten Sie, dass Pfälzisch quasi eine Weltsprache ist? 

Ob in Russland oder in den USA - viele Pfälzer, die in vergangenen Jahrhunderten ausgewandert sind, haben auch in der Fremde ihren heimatlichen Dialekt gepflegt und an ihre Nachfahren weitergegeben. So können sich einige Menschen aus Pennsylvania immer noch ohne Probleme mit Pfälzern in Mundart verständigen.

Text: Joachim Herrgen

Professor Joachim Herrgen lehrt und forscht an der Uni Marburg, er ist Pfälzer und lebt in Mainz. Im Rahmen seiner Forschung für den Deutschen Sprachatlas geht er der Frage nach: Wie haben sich die regionalen Färbungen der Sprache im Laufe der Zeit verändert?

Illustration: Alexandra Smuda 


Haardt, aber herzlich

Wir haben einige wichtige Pfälzer Vokabeln für Ihren nächsten Pfalzaufenthalt zusammengestellt. Und Sie werden schnell merken, die Aussprache unterscheidet sich selbst zwischen Bockenheim und Schweigen-Rechtenbach oft von Ort zu Ort

"alla hopp"

universal einsetzbare Vokabel, die u. a. Aufbruch (auf geht's), Ungeduld (jetzt mach schon), Zustimmung (wie du meinst) oder Verabschiedung (mach's gut) bedeuten kann

"Grumbeersupp un Quetschekuche"

Kartoffelsuppe und Zwetschgenkuchen passen hervorragend zusammen - am besten genießt man beides in einer der rund 100 Pfälzerwaldhütten.

"Gutselstand un Reidschul"

Süßigkeitenstand und Kinderkarrussell sollten auf keiner Kerwe (Fest, früher anlässlich der Kirchweih) fehlen - davon haben wir in der Pfalz übrigens ziemlich viele. 

"Keschdebääm“

Esskastanienbäume gibt es am Rand des Haardtgebirges zahlreiche, z. B. entlang des 56 Kilometer langen Pälzer Keschdeweg von Hääschde (Hauenstein) nach Neischdad an de Woistrooß.

"Hettrum, Houschd …“

In der Pfalz gibt es viele Orte, die von den Pfälzern liebevoll verkürzt werden – da wird Hettenleidelheim zu Hettrum und Hochstadt zu Houschd.

"Kinnerschees"

An der Deutschen Weinstraße finden sich viele kinderwagentaugliche Wanderwege.


Viele Menschen in Deutschland messen das Pfälzische jedoch am Hochdeutschen und für manche schneidet es bei diesem Vergleich schlecht ab: Nach aktuellen Rankings gehört das Pfälzische zu den weniger beliebten Dialekten in Deutschland, vielleicht, weil manche es für nachlässig, provinziell oder fehlerhaft gesprochenes Hochdeutsch halten. Wer so denkt, liegt völlig daneben: Das Pfälzische leitet sich nicht etwa vom Hochdeutschen ab, sondern es ist eine Sprache, genauer Regionalsprache, aus eigenem Recht und mit eigener, weit zurückreichender Geschichte. Das Hochdeutsche (die Sprachwissenschaft spricht von "Neuhochdeutscher Standardsprache") entstand - zunächst als reine Schreibsprache - erst lange nach dem Pfälzischen. Das war im 16. Jahrhundert, und erst ab dem 19. Jahrhundert erhielt das Hochdeutsche eine einheitliche Sprachform, die von den Menschen in Deutschland auch gesprochen wurde.

Das Pfälzische hingegen existierte schon seit Urzeiten als gesprochene Alltagssprache, die von den Eltern auf natürliche Weise an die Kinder weitergegeben wurde. Seine sprachlichen Eigenschaften belegen, dass es sich um einen fränkischen Sprachtyp handelt (deshalb auch die wissenschaftliche Bezeichnung "Rheinfränkisch"), der jedoch auch Züge des  südlicheren Alemannischen aufweist. Die Entstehungszeit liegt um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert, als die Franken das zuvor alemannische Gebiet eroberten und besiedelten. Beachtlich, dass Otfrid von Weissenburg in seinem Evangelienbuch, das dann im späten 9. Jahrhundert entstanden ist, sprachliche Eigenschaften des Pfälzischen schon ganz ähnlich wiedergibt, wie sie auch heute noch gesprochen werden: pad ('Pfad'), pending ('Pfennig', vgl. pfälz. Penning) oder pluag ('Pflug'). Hier ist der pfälzische Stand der sog. 2. Lautverschiebung (p statt pf) schon in der heute geltenden Form dokumentiert. Das zeigt, dass eine lebendig gesprochene Regionalsprache wie das Pfälzische offensichtlich viel mehr Konstanz über die Zeiten zeigt, als man annehmen sollte! Die Wurzeln des Pfälzischen reichen bei genauem Hinsehen sogar noch weiter zurück. Besonders die Namen der Gewässer und Siedlungen dokumentieren ältere, z.B. keltische und römische sprachliche Einflüsse: Beispiele hierfür sind die Namen von Rhein, Mosel, Nahe, Neckar und Saar, aber auch die Namen kleinerer Gewässer wie Alsenz, Glan, Pfrimm, Selz usw. 

Man kann die Region, in der Pfälzisch gesprochen wird, durch sprachliche Eigenschaften ziemlich klar bestimmen: Es ist das Areal, in dem es regional Appel (statt hochdeutsch Apfel) heißt, das (statt moselfränkisch dat), fescht (statt hd. fest) und Eis (statt alemannisch Is). Dies sind nur Beispielwörter, die für unzählige andere stehen. So fällt die Grenze zwischen pfälz. Eis und alemann. Is zusammen mit Zeit/Ziit, Haus/Huus, Hüüs usw. Viele verstehen unter 'Pfälzisch' auch einen etwas kleineren Raum, etwa im Sinne der ehemals Bayerischen Rheinpfalz.


"Kraut un Riewe"

Die Pfalz gilt als Gemüsegarten Deutschlands und hat diesem mit dem Kraut- und Rüben-Radweg auch gleich einen Radweg gewidmet.

"Mannelbliede“

Im Land der Mandelblüte beginnt der Frühling früher als annerschdwu (anderswo) in Deutschland.

"nuff un nunner"

Hoch und wieder runter geht es auf den höchsten Berg der Pfalz, die Kalmit.


Auch wenn das Pfälzische schon seit dem frühen Mittelalter existiert: Sprache ist niemals unveränderlich. Alle sprachlichen Formen, z.B. die Laute, besonders aber der Wortschatz, ändern sich beständig, auch weil die Welt sich stetig verändert: Auch Pfälzer sind cool, sie walken und joggen und ziehen dazu Sneakers an. So bereichert sich der Wortschatz, und deshalb wurden zu allen Zeiten zahllose Wörter verschiedener "Kontaktsprachen" ins Pfälzische aufgenommen. Die wichtigsten unter ihnen, waren das Lateinische, dann das Galloromanische, später das Französische und auch das Jiddische und Rotwelsche. Schon das Wort Pals 'Pfalz' ist ein Romanismus, eine Übernahme aus lat. palatium. Andere Beispiele für Übernahmen aus dem Lateinischen sind die Keschde 'Kastanien' (< lat. castanea), die Kelder 'Kelter' (< lat. calcatorium) und nicht zuletzt der Woi (< lat. vinum). Die Beispiele ließen sich mühellos vermehren. Aufgrund der jahrhundertelangen Nachbarschaft verwundert es nicht, dass das Französische dann die deutlichsten Spuren im Pfälzischen hinterlassen hat. Die Gummer 'Gurke' kam schon aus dem Altfranzösischen in die Pfalz (< afr. coucombre), jedoch die weitaus größte Zahl der französischen Wörter wurden später übernommen, als Franzosen als Einwanderer, Soldaten oder Verwaltungspersonal in die Pfalz kamen. Aus dieser Zeit stammen z.B. alla 'los, vorwärts' (<frz. allons), Blimmoo 'Federbett' (< frz. plumeau), Droddwar 'Bürgersteig' (< frz. trottoir) und viele andere. Ein interessantes Beispiel ist das Wort Fisimatenten in der Bedeutung 'Unsinn, Faxen, Blödsinn', das nur scheinbar aus dem Französischen stammt. Fast jeder in der Pfalz kann die Geschichte erzählen: Zur Besatzungszeit Anfang des 19. Jhs. hätten die französischen Soldaten versucht, deutsche Mädchen mit der Einladung visitez ma tente, d.h. 'besuchen Sie mein Zelt' in ihr Lager zu locken. Besorgte Eltern hätten ihre Töchter dann gewarnt: Mach mir keine "visite ma tente"! Die Fachwissenschaft weiß seit langem, dass dies Unsinn ist: Das Wort gab es im Pfälzischen schon längst vor der französischen Besatzung! Es stammt wahrscheinlich aus der lateinischen Amtssprache des Spätmittelalters. Aus dem lat. Ausdruck visae patentes'ordnungsgemäß verliehenes Patent' wurde visepatentes, und das bedeutet spöttisch 'überflüssige Schwierigkeit, Schikane'. Daraus hat sich dann im 16. Jh. der bekannte Ausdruck entwickelt, der mit der französischen Besatzung wahrhaftig nichts zu tun hat. Trotzdem erzählen die Leute die alte, falsche Geschichte gern, denn Goethe hat schon recht: "Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum".

Das Pfälzische hat sich nicht nur in der Vergangenheit verändert, sondern es entwickelt sich auch heute dynamisch. Insofern darf man fragen: Wie sieht das Pfälzische der Zukunft aus? Steht der Dialekt vielleicht sogar vor dem Aussterben, wie manche befürchten? Dies wird nicht so sein. Im Unterschied zu anderen Regionen in Deutschland wird in der Pfalz im Alltag noch gerne Dialekt gesprochen und - was noch wichtiger ist - der Dialekt wird auch von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Von Dialektsterben kann also keine Rede sein. Andererseits verändert sich der Dialekt. Ein Forscherteam der Universität Mainz hat den "Mittelrheinischen Sprachatlas" erarbeitet, in dem auch das Pfälzische enthalten ist. Dieser Sprachatlas zeigt, dass der Trend weg geht von den alten Lokaldialekten, bei denen jedes Dorf seinen eigenen Dialekt gesprochen hat. Was hingegen entsteht, sind Regiolekte, also landschaftliche Formen des Sprechens, die nicht mehr für einzelne Orte, sondern für ganze Regionen typisch sind. Und die Mainzer Forscher konnten die Veränderungen auch quantifizieren: Messungen der Dialektalität (Dialekttiefe) haben gezeigt, dass der Dialekt in ca. 30 Jahren knapp 9 Prozent an Tiefe verloren hat.

Bemerkenswert und für viele überraschend sind aber auch gegenläufige Entwicklungen. Ein erstes Beispiel: Bis auf ein Gebiet in der Südostpfalz sprechen heute die meisten in der Pfalz den Laut ch als sch aus: isch, wischdisch, Blesch. Was viele nicht wissen ist, dass es sich bei dieser Erscheinung nicht um ein altes Dialektphänomen handelt, sondern um eine jüngere Entwicklung, die auch heute noch fortschreitet. Tatsächlich vollzieht sich hier ein Lautwandel, der nicht etwa hin zum Hochdeutschen führt, sondern im Gegenteil weg davon. Ein zweites, ähnlich gelagertes Phänomen zeigt sich in der pfälzischen Grammatik, wo wir in der Gegenwart einen Sprachwandel gegen alle Erwartungen beobachten: Im Norden und Westen der Pfalz lautet das Partizip Perfekt von bringen nicht etwa gebracht, gebrocht oder gebraacht, sondern brung bzw. gebrung. Das heißt, bringen wird in diesem pfälzischen Areal als starkes Verb behandelt, nach dem Muster von bspw. singen. Was nun völlig überraschend ist: Dieser auffällige Palatinismus verschwindet nicht etwa, sondern breitet sich aus! Und zu diesem späteren Zeitpunkt wird noch einmal die Sprache der 70-jährigen mit derjenigen der 35-jährigen verglichen. Der Vergleich zeigt, dass sich das (ge)brung-Gebiet mit der Zeit stetig ausgedehnt hat. Beide Phänomene zusammengenommen belegen, dass es eben nicht nur Dialektabbau gibt, sondern dass das Pfälzische in manchen Bereichen auch an Eigenständigkeit zunimmt und sich vom Hochdeutschen sogar entfernt.


„Schobbeglas/ Dubbeglas“

Fester Bestandteil der Pfälzer Weinfestkultur.

„Uffbasse!“

Aufpassen heißt es bei Radtouren durch die Wingerte (Weinberge), denn die Wege werden auch von unseren Winzern genutzt, damit sie den leckeren Woi (Wein) produzieren können.

"Weck, Worschd un Woi“

Sozusagen das Pfälzer Dreigestirn, das auf keinem Weinfest fehlen darf

Wir wünschen viel Spaß beim Ausprobieren und nicht vergessen:

„Annerschdwu is annerschd, aber net wie in de Palz.“