Was eine kleine widerliche Mikrobe, welche die ganze Welt in Schrecken versetzt, mit einer neuen Liebe zu tun hat? Lasst es mich euch erzählen.

Es war wirklich passiert. Lockdown in Italien. Zum ersten Mal seit Jahren würden wir Carla, Vincenzo und die anderen nicht sehen. Kein Urlaub am Mittelmeer. Also zähneknirschend umdenken und gezwungenermaßen fremdgehen. Deutschland statt Toskana. Riesling statt Sangiovese. Ja, genau, wir entschieden uns für ein paar Kurztrips in deutsche Weinregionen. Einen davon in die Pfalz, an die Deutsche Weinstraße. Die „Toskana Deutschlands“ nennen sie viele. Fast schon ein Sakrileg für uns. OK, fünf Tage und vier Nächte lang sollten Pfalz und Pfälzer eine Chance bekommen. Eigentlich hatten sie nicht wirklich eine. Aber ich verrate es schon jetzt: Die nutzten sie.
Und das kam so.

© Boris Bender, Web Design Media

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Tag Null -Buchung-

Das einzige, was wir vorausbuchen wollten, war die Unterkunft. Ferienwohnung für uns vier, der Rest würde sich ergeben. Da sind wir ja wirklich verwöhnt, und wir wussten, deutsche Ferienwohnungen würden es ganz schwer haben bei uns gegen die toskanischen. Und dann, Tom stand noch an der Kaffeemaschine und wir hatten noch gar nicht richtig angefangen zu suchen … diese Unterkunft auf dem Monitor. Wir blickten uns alle an mit einer Mischung aus Überraschung und Grinsen, und Minuten später hatten wir die Buchungsbestätigung im E-Mail-Postfach.

Tag Eins -Anreise-

 

 

Zwei Stunden nach Süden. Unterwegs auf der Autobahn war irgendwann im Westen dieser Haardtrand da und wich uns nicht mehr von der Seite. Als ich da so ständig drauf schaute, auf diese dunkelgrüne Klippe hinter diesem hellgrünen Meer aus Reben, mit ihren rot leuchtenden Sandstein-Ruinen, die wirkten, als würden sie die Geheimnisse in dem riesigen Pfälzerwald dahinter bewachen, hatte ich irgendwann die Frage im Kopf: „Was verbirgst du alles? Ich wills rausfinden.“

Mittendrin beherrscht ein gewaltiges Gemäuer einen Hügel bei Neustadt: Das Hambacher Schloss. Die Wiege der Deutschen Demokratie. Hier an der Weinstraße. Wow.

Nach der Abfahrt ging es durch Weinberge und Winzerdörfer, wo Weinprinzessinnen uns von den Ortseingangsschildern so herzlich zuprosteten, dass ich mich fast fühlte, als würde mich eine lange vermisste liebe Freundin beim Wiedersehen begrüßen. Und als ich dann noch diese Kreidetafeln mit leckeren Gerichten und Weinen vor Sandstein-Bögen mit kopfsteingepflasterten Einfahrten sah, wäre ich am liebsten hindurch geschlüpft und eingekehrt in diese einladende Welt.

Einige Orte weiter wurde unser Baumhaus-Traum Wahrheit. Direkt am Rand des Waldes in St. Martin. Aber es stand nicht, es schwebte in einigen Metern Höhe. Wie heraus geschnitzt aus den Bäumen. Wie ein Portal in diesen endlos erscheinenden Pfälzerwald. Matthias, unser Gastgeber, stand grinsend mit den Schlüsseln in der einen und einer Flasche Wein in der anderen Hand vor uns. Und wir hatten noch nicht die Koffer aus dem Auto geholt, da hatte er uns schon die ersten Gläser in die Hand gedrückt. Und im Gespräch holte er gleich noch ein weiteres Geschenk für jeden von uns aus seinen Jeans, nein eigentlich über 100 Geschenke: Eine Pfalzcard für jeden von uns, mit der wir freie Eintritte zu allem möglichen hatten und in der Pfalz kostenlos Bus und Bahn fahren konnten. Das erste woran wir denken mussten war die unbeliebteste Frage in unseren Toskana-Urlauben: „Wer fährt?“ Ein bisschen weinselig von unseren ersten Schlücken hakten wir diese Frage schon mal gut gelaunt ab.
Das Haus ist aus ökologischen Materialien gebaut. Mit umlaufendem, überdachtem Balkon, der bei jedem Wetter seinen eigenen Reiz hatte. Ebenfalls eine Premiere: Ein Bett konnten wir auf den Balkon rollen und Nächte in den Federn unterm Sternenhimmel genießen.

Das war mal ein Einstieg. Wir waren in den Bäumen … die Sterne funkelten über uns … der Wein, den wir genossen, wächst vor der Haustür … irgendwie wirkte das alles hier so einladend, großzügig, beruhigend echt und ursprünglich. Und wir bekamen sowas von Lust, das alles am nächsten Tag kennen zu lernen.

 

 

© Boris Bender, Web Design Media

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Tag Zwei -Wandern auf dem Weinstieg-

© Stadt Bad Dürkheim

© Stadt Bad Dürkheim

© Julian Völk, Pfalz.Touristik e. V.

© Julian Völk, Pfalz.Touristik e. V.

© kgp.de

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© Hofgut Ruppertsberg

© Hofgut Ruppertsberg

Für den ersten Tag war die Entscheidung klar: Wir wollten dem Pfälzerwald seine Geheimnisse entlocken und die Aussicht auf die Weinberge genießen. Und bald hatten wir ihn gefunden, unseren Weg über den Pfalz-Balkon: Den Weinsteig. Und dass die Wahl auf die Etappe von Bad Dürkheim nach Deidesheim fiel, war eine eigene kleine Geschichte: Das Etikett von Matthias` Weinflasche hatte so einen originellen Namen, und irgendwie kamen wir drauf, dass wir in diesem Urlaub ja Weine von und in spannenden Lagen trinken und herausfinden könnten, was für Geschichten sie erzählen. Schließlich stießen wir auf den unschlagbaren Namen „Ungeheuer“. Die Weinberge dort sollen auf den besten Riesling-Lagen der Welt und – das hatten wir noch nie gehört - auf Basalt wachsen. Und nördlich davon, bei Bad Dürkheim, gibt es die Lage „Fuchsmantel“, die sich wie ein Mantel um ihren Kragen, einen Turm mit dem lustigen Namen „Kaffeemühlchen“, legt. Also war die Etappe klar: Bad Dürkheim nach Deidesheim. Mit dem Zug und der Pfalzcard als Ticket gings erstmal in die Kurstadt, und die Pfalzcard hatte uns neugierig gemacht auf ein Gebäude im großzügigen Kurpark, wie wir es noch nicht gesehen hatten. Card vorgezeigt, durchgewunken (man fühlt sich wie ein VIP mit dem Teil), und schon standen wir auf dem 330m langen Gradierbau, wo über eine riesige Wand aus Schwarzdorn Solewasser verrieselt wird. Es war schon am Morgen ziemlich warm, und dort holten wir uns vor dem Start nochmal eine Nase voll erfrischender, kühler Salzluft.

Das Weingut Heissler in Bad Dürkheim hat nicht nur Weinberge im Fuchsmantel, sondern lebt Werte die uns gefallen, wie Verzicht auf Mineraldünger, Herbizide und Insektizide, achtsamen Umgang mit Böden und Reben und allem, was im Weinberg krabbelt und fliegt. Und es liegt direkt am Weinsteig. Also wanderten die ersten Flaschen in unsere Rucksäcke, und sie hielten sich dort nicht lang. Denn wir probierten den Wein gleich dort wo er wächst, auf dem Kaffeemühlchen. Dieses Türmchen, dessen Gestalt ihm den Spitznamen eingebracht hat, thront über dem Fuchsmantel, der Lage, die sich wie eine gigantische Treppe aus mondsichelförmigen Weinbergterrassen unter dem Kaffeemühlchen ausbreitet, mit langen Trockenmauern, auf denen sich Eidechsen sonnen.

Bei Forst machten wir einen Abstecher zum Blick in den Steinbruch des Pechsteinkopfs. Das ist ein gewaltig tiefer Kessel, und wir mussten uns ganz schön strecken, um den türkisblauen See an seinem Grund und die grüngrauen, sechseckigen Basaltsäulen zu sehen. Ein paar Meter weiter standen wir am Ufer des verwunschenen Basaltsees. Wir fantasierten darüber, welche Kräfte aus der Erde wohl vor unvorstellbar langer Zeit hier gewütet hatten. Und freuten uns schon auf den Abend, an dem wir diese Kräfte kosten durften: An einem besonderen Ort mit einer unglaublichen Auswahl an Weinen, wo wir uns für unsere Wanderung belohnen wollten.

Und wir wurden nicht enttäuscht. Nach einer wundervollen Wanderung durch den Pfälzerwald mit Balkonblick auf die Weinberge auf der Wachtenburg bei Wachenheim und vorbei an den geheimnisvollen Heidenlöchern bei Deidesheim erreichten wir unser Ziel, das Hofgut Ruppertsberg. Ein idyllischer Innenhof mit Pflanzen und uralten Holzkisten, gepflastert mit Kopfsteinen vom Pechsteinkopf, ein endloser Kräutergarten, ein Gastraum mit von grobem Kalkputz unterbrochenem Sichtmauerwerk, die gewölbte Decke getragen von uralten, verschrammten, kantigen Holzbalken. Hier genossen wir ein Menü mit seltenen Köstlichkeiten, alle im Einklang mit der Natur, mit Wertschätzung gegenüber dem Tier und mit allem was die Jahreszeit zu bieten hat.

Und bis spät in die Nacht ließen wir es uns mit Weinen von der 65seitigen Weinkarte gut gehen, auf der Weine aus aller Welt locken, aber wir wollten schon jetzt nur noch Pfälzer Weine trinken. Und natürlich auch einen vom Pechstein und einen vom Ungeheuer. Bis ein Taxi uns glücklich zurück zu unserem Baumhaus brachte. Und die Nacht auf dem Balkon unter einem Himmel aus Ästen, Blättern und Sternen wurde noch lang.

 

 

Tag Drei -Weinberg-Surfen in den tiefen Süden-

Was der Weinsteig für unseren Wandertag, sollte der Radweg Deutsche Weinstraße für unsere Radtour sein. Bis an sein Ende tief im Süden, bei Schweigen an der französischen Grenze, fuhren wir.  Für den Rückweg hatten wir uns wieder etwas mit einem lustigen Namen ausgesucht: Den Kraut- und Rüben-Radweg.

Auf unseren E-Bikes fühlte sich die hügelige Strecke an wie Weinberg-Surfen. Auch an diesem Tag begleitete der Haardtrand uns wieder im Westen. Vom Rad aus sah er noch imposanter aus als aus dem Auto, wie er so über uns aufragte. Und je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr löste sich die geschlossene Fläche auf, desto zertalter wurde er, mit Burgruinen auf Bergkegeln. Bis wir bei Leinsweiler eine Szenerie vor uns hatten, die wirkte wie von einem Maler als Musterlandschaft aus Weinhügeln, Kegelbergen und Ruinen gepinselt. Kein Wunder, dass der Künstler Max Slevogt hier gewohnt hat.

Für unsere Mittagspause hatten wir einen ganz besonderen Ort mit bemerkenswertem Namen ausgesucht: Das SlowFood Restaurant „Freiraum“ im Stiftsgut Keysermühle in Klingenmünster. Die Art und Weise, wie nah man hier beim Einkauf der Produkte bei Bauern und Produzenten ist, dass hier manchmal sogar Bio noch nicht gut genug ist, hätte uns für sich allein schon begeistert. Aber hier gibt es noch etwas … etwas wirklich außergewöhnliches: Wir wurden von einem Team von Menschen mit Handicap bedient. Die besondere Wärme und bescheidene Herzlichkeit dieser Menschen hat uns alle sehr berührt und wird für uns unvergesslich bleiben. Wir haben schon oft ein Lokal zufrieden verlassen. Aber hier empfanden wir mehr: Die Wehmut beim Abschied. Und ich glaube, ich hab ein winziges, leuchtendes Stückchen meines Herzens dort gelassen.

 

 

 

 

© Florian Trykowski, Pfalz.Touristik

© Florian Trykowski, Pfalz.Touristik

© Christian Ernst

© Christian Ernst

Der Rückweg über den Kraut- und Rübenweg führte uns durch die dritte dreier völlig ungleicher Landschaften auf engstem Raum: Nach Wald und Weinbergen ging es jetzt durch die Pfälzische Rheinebene, nur so strotzend vor fetten, fruchtbaren Böden, auf denen endlose Reihen von Gemüse und Salat gediehen und so frisch und kräftig vor sich hin duftenden, dass man schon wieder Hunger bekam. Was war das hier für ein Schlaraffenland, wo alles, was man in Glas und Teller hatte, vor Ort wuchs und rumlief? Und überall konnte man das leckere Zeug bei Bauernhöfen kaufen, und zwar so frisch, dass sie noch die Erde von den Wurzeln klopften, als wir die Pflänzchen in unsere Rucksäcke stopfen ließen. Hier beschlossen wir, mit all den leckeren Sachen am letzten Abend im Baumhaus zu kochen.

Die „Metropole“ dieser Landschaft ist Speyer mit seinem gigantischen Dom, aber den schafften wir heute nicht mehr. Und in diesem Moment ertappte ich mich das erste Mal, dass ich dachte: „Das nächste Mal.“  

Nachdem wir uns nach unserer Rückkehr im Baumhaus frisch gemacht hatten, zogen wir nochmal los nach Burrweiler, in den Ritterhof zur Rose. Rosenzimmer und Rosenstube sind die Gasträume, und sie liegen im oberen Stockwerk, und überall sind Fenster: Wir fühlten uns wie auf einer Bühne, und rings um uns nichts als Weinberge und Rheinebene.
In der Speisekarte lernten wir einen neuen Begriff kennen: Partnerbetrieb Biosphärenreservat Pfälzerwald. Wir ließen uns eine Broschüre dazu geben, und wieder erschlossen wir uns ein Stück Ursprünglichkeit dieser wundervollen Pfalz. Und uns wurde bewusst, dass das nicht nur ein riesiges Waldgebiet voller Felstürme und Burgen und Hütten ist, sondern dass hier auch viele Menschen alles geben für alles was lebt. So sehr, dass sogar die UNESCO es als außergewöhnlich gewürdigt hat.

Und in dieser Nacht feierten wir nicht so laut im Baumhaus. Sondern waren alle von dem Gedanken erfüllt, hier nur an der Oberfläche vieler Wunder gekratzt zu haben. Die Pfalz, das ist wie Sternegucken: Je länger ich hin schaue, desto mehr entdecke ich.

 

 

Tag Vier -Verführung und Finale-

Unseren letzten Tag begannen wir mit einem ausgiebigen Sektfrühstück mit Winzersekt vom Weingut Hormuth vor Ort in St Martin, dem ersten klimaneutralen Weingut Deutschlands. Schon um sieben Uhr hatten sich Tom und Lena aufgemacht zum Wochenmarkt in Neustadt an der Weinstraße und brachten Brot, Käse, Wurst, Marmelade und Feigenchutney mit. Beim Auspacken erzählten die beiden vom schönen historischen Marktplatz … und da war er wieder, dieser Gedanke: Wir mussten nochmal her, denn wir wollten mehr sehen.

Und nachdem wir nun Fans der Weine von der Weinstraße geworden waren, wollten wir so viel wie möglich davon erfahren. Also buchten wir eine Weinbergführung mit Weinprobe. „Neue Reben braucht das Land“ war ein Motto, das uns gut gefiel. Und was um alles in der Welt waren denn Piwis? Dem mussten wir nachgehen. Zwei Stunden später stand er in kurzen braunen Lederhosen und lässigem Leinenhemd vor uns. Klaus Rummel. Winzermeister und Ökopionier. Zwischen Rebzeilen, wo auf den ersten Blick nichts aufgeräumt ist, sondern sich eine wohltuend anzuschauende eigene Welt aus Reben, Malven, Scharfgarbe, Klee der Sonne entgegenstreckt. Wir konnten es riechen, als er von Luft die nach Erde duften muss redete. Wir spürten fast die Würmer, von denen sein Boden voll ist, wie sie wenige Zentimeter unter unseren Fußsohlen wühlten. Und wir hörten das Summen und Zwitschern von tausenden Insekten, das diese vor Echtheit und Ursprünglichkeit nur so strotzende Welt hier komplett macht.  
Und natürlich erfuhren wir auch, was Piwis sind: Pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sehr im Trend, und Rummel ist auch hier Pionier und in der Fachwelt gefragter Berater bei der Markteinführung neuer Sorten. Weniger Pilzanfälligkeit, weniger Einsatz von Pflanzenschutz. Seit über 100 Jahren wird daran geforscht, und seit 30 Jahren redet Rummel ein gewichtiges Wörtchen mit.

Und als wir, um einiges schlauer, mit erweitertem Horizont auf Wein und das Leben und um einige Kisten PiWi-Wein in unserem Kofferraum reicher, das Weingut verließen, war uns endgültig klar, dass wir nicht nur den Wein mitnahmen. Sondern viel mehr.

Als wir im Baumhaus das Abendessen mit all dem knackfrischen Gemüse vom Kraut- und Rüben-Radweg zubereiteten, redeten wir über nichts anderes als die Weinstraße und die Pfalz. Wir entkorkten eine Flasche nach der anderen und fühlten uns wie Pioniere. Entdecker einer bis dato unbekannten Welt. Denen der Sinn nicht nach Abschließen mit dem allem hier stand. Sondern die Pläne machten. Für die Zukunft. Für die Rückkehr in die Pfalz.

Und wir würden Carla und Vincenzo und die anderen nächstes Jahr nicht in der Toskana besuchen.

Nein.

Wir würden sie in die Pfalz einladen.

Und als wir alle mit vollen Bäuchen und selig vor Wein ein letztes Mal auf dem Balkon saßen, dachte ich nur: „So wie dieses Haus ein Teil der Bäume ist, so ist die Pfalz ein Teil von mir geworden.“

 

 

 

 

 

 

 

© Boris Bender, Web Design Media

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Lucy und ihre Freunde sind natürlich frei erfunden. Leibhaftig sind aber die Erfahrungen, die Gerrit Altes von der Tourist Information Bad Dürkheim mit überaus zufriedenen Gästen machen darf. Dies hat ihn dazu inspiriert, diesen Blog zu verfassen.